Jahrestagung 2017

Inklusiv in Basel

Netzwerk-Treffen Leichte Sprache in Basel

Experten tagen zur Leichte Sprache

Das Netzwerk Leichte Sprache e.V.

trifft sich zur Jahrestagung in Basel

Leichte Sprache ist derzeit in aller Munde! Sie wird gefeiert und verachtet. Sie bewegt die Gemüter aber auch den Verstand. Was hat es damit auf sich und warum bekommt ein Nischenthema solch eine große Bedeutung?

Leichte Sprache kommt ursprünglich aus den USA und wurde Mitte der 70er Jahre von der Selbstvertretungsorganisation People First gefordert. Im englischsprachigen Raum als "Easy to read" bezeichnet, erreichte die Idee einer verständlichen Sprache für Menschen mit Lernschwierigkeiten Mitte der 90er Jahre Deutschland. Eine Bewegung zur Leichten Sprache entstand, aus der sich das Netzwerk Leichte Sprache gründete. Gemeinsam mit Mensch Zuerst e.V. wurde 2008 eine große Unterschriftensammlung ins Leben gerufen, mit dem Ziel, ein Recht auf Leichte Sprache zu erwirken. 2009 wurde die Petition beim Bundestag eingereicht und schließlich 2012 bearbeitet und die rechtliche Verankerung einer verpflichtenden Anwendung der Leichten Sprache beschlossen.

So wird u.a. im Gleichstellungsgesetz  für Menschen mit Behinderung (BGG - überarbeitete Fassung ab 2018 gültig) im § 11 Verständlichkeit und Leichte Sprache beschrieben, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten auf Verlangen ein Recht auf Bescheide in Leichter Sprache haben und dass sich Träger öffentlicher Gewalt entsprechende Kompetenzen hierzu aneignen sollten. Diese Gesetzesgrundlage ist eine konkrete Umsetzung der Forderungen von Mensch Zuerst e.V. und dem Netzwerk Leichte Sprache e.V. auf ein Recht auf Leichte Sprache.

Die rasante Entwicklung der Leichten Sprache weist darauf hin, dass dieses Thema offensichtlich ein hohes Potential für Veränderung hat und aus unterschiedlichen Gründen großes gesellschaftliches Interesse weckt. Zunächst erzeugen die gesetzlichen Grundlagen für die Umsetzung der Leichten Sprache enormen Handlungsbedarf bei Behörden und Ämtern aber auch in der Szene der Institutionen und Anbieter von Diensten für Menschen mit Behinderung kann man sich ausschließlich "schwere Sprache" kaum noch leisten.

Zudem entspricht Leichte Sprache der zeitgemäßen Entwicklung einer inklusiven Gesellschaft und trifft den Kern einer wesentlichen Forderung dieser Bewegung, nämlich nicht über Menschen mit Behinderung zu sprechen, sondern mit ihnen ins Gespräch zu kommen! Nicht nur Konversation zu machen, sondern in Dialog zu treten, nicht nur Worte gegenseitig auszusprechen, sondern Meinungen auszutauschen, um sich zu erkennen.

Kommunikation in verständlicher Form ist eine wesentliche Forderung der UN-Behindertenrechtskonvention und zugleich ein gemeinsamer Weg in die Inklusion. Ursprünglich nur für Menschen mit Lernschwierigkeiten gedacht und gemeinsam mit ihnen entwickelt, stellt sich mittlerweile jedoch heraus, dass Leichte Sprache für viele verschiedene Personengruppen nützlich sein kann und den Zugang zu Sprachinformationen ermöglichen. Als sekundäre Ziel- oder auch Nutzergruppe sind hierbei Menschen mit prälingualer Hörschädigung zu nennen, Menschen mit Autismus-Spektrums-Störung oder auch Menschen mit Demenzerkrankung. Außer den genannten Personengruppen profitieren auch Menschen mit eingeschränkten Deutschkenntnissen, die als Einstieg in die deutsche Sprache mit Leichter Sprache als Brückensprache oft sehr gut zurechtkommen.

Darüber hinaus ist Leichte Sprache für den großen Personenkreis der Menschen mit funktionalem Analphabetismus (ca. 14 % der erwachsenen Menschen im erwerbsfähigen Alter in Deutschland) interessant, da sie Inhalte von komplexen Texte im Lesen schwer erfassen und wiedergeben können. Es ist zu vermuten, dass die Leserschaft von Angeboten in Leichter Sprache noch für weitaus mehr Personengruppen interessant zu sein scheinen. Dies zeigen Erfahrungen mit Broschüren, die sowohl in "schwerer" als auch in Leichter Sprache angeboten werden: die "Leichten" sind häufig vergriffen, während die anspruchsvolleren Texte liegen bleiben.

Sprache ist Allgemeingut, Identität und Verbundenheit mit der eigenen Kultur. Veränderungen werden deshalb stets kritisch beäugt, wie beispielsweise bei der letzten Rechtschreibreform. Leichte Sprache verändert zwar nicht die allgemeine deutsche Sprache, sondern wird als "Varietät des Deutschen" bezeichnet, dennoch ist die Gesellschaft mit dieser Sprache konfrontiert und spätestens seit es Bücher, Formulare, Broschüren und sogar Wahlbriefe in Leichter Sprache gibt, rufen diese Angebote jene Kritiker hervor, die sich für das Bewahren unseres Sprachguts einsetzen möchten. Diese Reaktionen auf die Leichte Sprache sind wichtig und weisen darauf hin, dass eine Auseinandersetzung mit der Leichten Sprache stattfindet, geprägt von unterschiedlichen, gesellschaftlichen Haltungen, Werten und Interessen. Leichte Sprache fällt auf und provoziert und eigentlich geht es den meisten Menschen, die damit konfrontiert werden so, dass sie die Leichte Sprache in positivem oder negativem Sinne interessant finden. Insbesondere Sprachwissenschaftler diskutieren die Leichte Sprache ausführlich und bewerten sie hinsichtlich Grammatik und Ausdrucksstärke.

Für einen Expertenaustausch zur Leichten Sprache hat sich Anfang November das Netzwerk Leichte Sprache e.V. vom 2. bis zum 4. November auf Einladung des Wohnwerks in Basel getroffen. Der Verein mit Sitz in Deutschland hat Mitglieder aus allen deutschsprachigen Ländern in Europa und zeichnet sich durch seine langjährige, inklusive Expertentätigkeit zur Leichten Sprache aus. Menschen mit und ohne Lernschwierigkeiten diskutierten in Basel die derzeitige Situation der Leichten Sprache, die aktuelle Gesetzgebung und notwendige Weiterentwicklungen dieser Sprachform. Insbesondere die Regeln der Leichten Sprache wurden beim diesjährigen Treffen mit Hilfe von Sprachewissenschaftlern reflektiert und konkreter beschrieben. "Das "Kronjuwel" der Leichten Sprache sind die Regeln der Leichten Sprache" betont hierzu Prof. Dr. Xavier Moonen bei der Netzwerktagung, und erinnert damit an die gemeinsamen Grundlagen des Netzwerks. Aber auch Themen wie Qualitätssicherung bei Fortbildungen von Prüfer- und Übersetzerschulungen oder auch die Verbesserung des Bildmaterials wurden besprochen.

Im Fokus des Netzwerktreffens stand allerdings auch das neue Bundesprojekt "Fachkraft für Leichte Sprache", das in Kooperation mit der CAB Caritas Augsburg gGmbH über die Mittel des Ausgleichsfonds für Menschen mit Schwerbehinderung im Arbeitsleben im Januar 2018 starten soll. Eine Million Euro bekommt das Netzwerk dafür, um ein Curriculum für die Qualifizierungsmaßnahme zu erstellen und Ausbildungsmaterial in Leichter Sprache zu entwickeln. Mit einem Projektbüro in Berlin wird das Netzwerk Leichte Sprache e.V. seine Position als Initiator und Expertenkreis für die Leichte Sprache in unserer Gesellschaft sichern und weiterentwickeln.

Der neu gewählte Vorstand des Netzwerkes Leichte Sprache e.V. wird mit der Leichten Sprache weiterhin eine inklusionspolitische Zielsetzung verfolgen, insbesondere sollen im nächsten Jahr die Regeln der Leichten Sprache konkreter beschrieben werden, die Qualität der Fortbildungen gesichert und das Bundesprojekt zur Fachkraft für Leichte Sprache gut begonnen werden. Das Besondere dabei: auch im Vorstand arbeiten Menschen mit und ohne Lernschwierigkeiten erfolgreich zusammen.

Christine Borucker

Vorstandsmitglied Netzwerk Leichte Sprache